Auf nach Essen

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Jun 21, 2015 Kommentare deaktiviert für Auf nach Essen Redaktion_alt

Höcke_webLiebe Unterzeichner der Erfurter Resolution,

wir haben uns in der Personaldiskussion, die seit Wochen in der Partei tobt, bislang zurückgehalten.
Das war nicht Taktik, sondern das ist Programm. Die Erfurter Resolution ist keine Wahlkampagne für den Bundesvorstand. Der Flügel ist eine „tiefe Gründung“, weil er die Niederungen der Parteiwirklichkeit meidet. Es geht uns nicht um Personen und deren Macht- und Karriereoptionen, sondern um die Anbahnung einer Politik, die unserem Volk und Land die Zukunft sichert. Die Idee muß immer über der Person stehen.

Das unwürdige Hauen und Stechen, der über die Medien ausgetragene Streit, die Diffamierung des innerparteilichen Konkurrenten in aller Öffentlichkeit, all das hat uns wahrlich nicht vorangebracht. Unsere sonst so bürgerlich diszipliniert auftretende Partei schien in den Fußstapfen der Piratenpartei zu wandeln. Daran wollten wir uns vom Flügel nicht beteiligen.
Ich kann mein Unverständnis und mein Unbehagen nicht länger verbergen.

Ja, ich habe kein Verständnis für das Verhalten einiger führender Protagonisten dieses parteiinternen Machtkampfes. Sicherlich ist in erster Linie der faule Kompromiß von Bremen ursächlich für die parteiinterne Krisendynamik. Ich habe in diesem Zusammenhang stets auf eine logische Abfolge der Schritte hingewiesen: Zuerst muß ein Parteiprogramm erstellt werden, dann kann man auf die Suche nach einer Person gehen, die durch ihre Persönlichkeit und inhaltliche Arbeit diese Programmatik in ihrer Breite und Tiefe authentisch repräsentiert.

Die inhaltliche Breite unserer noch nicht gesetzten Partei hätte viel wirkungsvoller in die Öffentlichkeit transportiert werden können, wenn zumindest noch zwei Jahre an einer echten Zweier- oder Dreierspitze festgehalten worden wäre.

Daß es Reibungsverluste bei solch einer Führungsstruktur gibt, soll nicht in Abrede gestellt werden. Meiner Meinung nach überwiegen jedoch im derzeitigen Stadium der Parteiwerdung die Vorteile.

Dieser erfolgsversprechende Weg wurde zuvorderst dadurch verbaut, daß einige Protagonisten der Meinung waren, nicht mehr gemeinsam in einer Institution arbeiten zu können. Sie taten dies kund, sogar öffentlich. Hier zeigt sich eine hochgradig unprofessionelle Einstellung! Ich verlange von jedem Parteimitglied mit Führungsanspruch ein Höchstmaß an Selbstbeherrschung und das Zurückstellen persönlicher Befindlichkeiten zugunsten des Parteiwohls. Es kann nicht sein, daß die Einzelinteressen den Gesamtinteressen unserer AfD übergestülpt werden. Und es darf eigentlich nicht sein, daß die Partei oder jeweils Teile von ihr zur Durchsetzung dieser Einzelinteressen in Sippenhaft genommen werden.

Uns Initiatoren der „Erfurter Resolution“ zeichnet vor allem eines aus: daß wir den Gründungsimpuls der AfD erneuert haben, ihn als integrierendes Moment verstehen und – daraus folgend – noch nie den Ausschluß einzelner aus oder die Abspaltung ganzer Teile von unserer Partei gefordert oder auch nur für sinnvoll befunden haben.

Deshalb irritiert es uns, wenn Vertreter des „Weckrufs 2015“ verkünden, daß es für sie weder im Falle einer Niederlage, noch in einer Pattsituation einen Verbleib in der Partei geben kann.

Ich schaue mit Unbehagen auf den kommenden Parteitag in Essen. Hier soll eine große Entscheidungsschlacht geschlagen werden, die zum jetzigen Zeitpunkt die Existenz unseres großartigen Parteiprojekts gefährdet, und die in meinen Augen nicht hätte geschlagen werden müssen. Vielleicht wäre sie in einigen Jahren unvermeidbar gewesen, nachdem die Programmatik den parteiinternen Willensbildungsprozeß katalysiert und äußere Ereignisse unvereinbare politische Standpunkte zum Vorschein gebracht hätten. Jetzt ziehen wir blank, weil einige parteipolitische Schlafwandler das so wünschen.

Vor dem Hintergrund dieser Kurzbewertung wird vielleicht deutlich, daß der „Würzburger Appell“, der von einer Mehrheit der Landessprecher über die Lager hinweg ausgesandt wurde, tatsächlich das Betreten eines 3. Weges ermöglicht hätte. Ein Weg, der die Orientierungsphase unserer jungen Partei wohltuend verlängert hätte. Er wäre allein dadurch schon möglich geworden, daß einige „Ichlinge“ mal zwei Jahre „Urlaub vom Ich“ genommen hätten.

Ein Mitgliederparteitag in dieser Größenordnung kann eine unvorhersehbare Eigendynamik entfalten. Was auch immer geschieht, wir müssen, um unsere großen Ziele zu erreichen, im neuen Bundesvorstand angemessen vertreten sein. Ich weiß, daß nicht wenige von mir erwarten, für den Bundesvorstand zu kandidieren. Es gibt allerdings auch viele, die ein Zerrbild von mir haben und Anstoß an meiner Person nehmen.

Diese Polarisierung habe ich nicht betrieben, aber ich konnte sie auch nicht verhindern. Ungut ist sie auf jeden Fall in einer Phase, in der unsere Partei nichts mehr braucht als Einheit und eine größtmögliche inhaltliche Spannbreite. Wenn nichts Unvorhersehbares geschieht, werde ich daher nicht für ein Amt im Bundesvorstand zur Verfügung stehen. Ich werde jedoch vor Ort sein, um zur Not eingreifen zu können.

Ich wünsche mir aber, daß statt meiner Person André Poggenburg und Dr. Hans-Thomas Tillschneider als Repräsentanten der Flügelbewegung im neuen Bundesvorstand vertreten sind. Beide waren von Anfang an federführend an der Erfurter Resolution beteiligt, beide haben mein volles Vertrauen.
Schenken auch Sie Ihnen Ihr Vertrauen!

Bitte beteiligen Sie sich am Parteitag in Essen. Tragen Sie mit Ihrer Teilnahme dazu bei, daß der Flügel ein gewichtiger Faktor in der Partei wird und bleibt. Für Ihren Einsatz danke ich Ihnen im voraus.
Mit herzlichem Gruß,

Ihr Björn Höcke

P.S.: Die meisten Teilnehmer am Parteitag werden bereits am Freitag anreisen. Wir würden uns gerne gemeinsam mit den Unterzeichnern der Erfurter Resolution am Abend des 3. Juli in einer Gastronomie in Essen treffen. Um ein entsprechendes Lokal anmieten zu können, bitten wir um eine kurze Rückmeldung unter kontakt@derfluegel.de ob eine Teilnahme erwünscht ist und Anzahl der Teilnehmer.